Kate Katzki (Käthe Schiffmann)

Herne 1910 – New York 2002

Leo Schnur

Channa Birnfeld

Die Initiative ist den Menschen gewidmet, die die Zeit der Verfolgung überlebten und mit denen ich in den letzten Jahren persönlich in Kontakt stand: Channa Birnfeld, Werner Blumenthal, Kenneth Ellington, Esteban Fritzler, Gerda Günzburger, Esther Hocherman, Walter Nussbaum, Geoffrey Phillips, Günter Ruf, Leo Schnur, Lisel Spencer und Melanie Wahl.

Gedenktafel Schulstraße

„Was geschah, geschah. Aber dass es geschah, ist so einfach nicht hinzunehmen. Ich rebelliere: gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen eine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrieren lässt und es damit auf empörende Weise verfälscht.“


Jean Améry, 1976

Gedächtnis & Auseinandersetzung.
Das Konzept der Gedenkorte

„Vom ersten Augenblick an“, schreibt der Schriftsteller Imre Kertész, „haftete dem Holocaust eine entsetzliche Angst an: die Angst vor dem Vergessen.“ Aus dem „unermesslichen Leid“ entstand so eine über Generationen hinweg geführte Debatte, in der bis heute über eine adäquate Erinnerungskultur gestritten wird. Bald wird es keine Überlebenden der Konzentrationslager, keine Zeitzeugen der Verfolgung und Entrechtung während des NS-Regimes mehr geben. Ihre mündlichen und schriftlichen Zeugnisse gehen auf im kulturellen Gedächtnis. Die Debatte über die richtige Art der Erinnerung wird dagegen fortgeführt werden. Dabei ergibt sich aus der Bedeutung der Shoah selbst, verstanden als präzedenzloser Zivilisationsbruch der Geschichte, dass es nicht ein „richtiges“ Gedenken geben kann.

Dezentrale Erinnerungsorte

Anfang 2004 erarbeitete ein Initiativkreis ein Gesamtkonzept zum Thema „Erinnerungsorte zur Geschichte des jüdischen Lebens in Herne und Wanne-Eickel“. Wie sah das Leben der jüdischen Gemeinde aus? Wo lebte eine jüdische Familie? Von wo aus wurden die jüdischen Menschen deportiert? Die Vorschläge verstanden sich als ein Angebot hin zu einer lokalen Erinnerungskultur, die das Geschehen nicht dem Vergessen anheim geben wollte, denn besonders „vor Ort“ findet oft Beschäftigung und Identifikation mit Geschichte statt. Schon bei der Entwicklung des Konzepts war ein Gedanke konstitutiv: Während die „dezentralen Gedenktafeln“ beispielhafte Einzelschicksale behandeln sollten, sollte anschließend ein zentrales Denkmal verwirklicht werden, das den Opfern der Shoah gewidmet sein sollte. Das Bild eines Netzwerkes, das von einem zentralen Punkt über die Stadt gespannt wird, war dabei für die Konzeption anschaulich.

Das Projekt wurde bald von einem überparteilichen Konsens getragen und fand auch seine politische Umsetzung. Am 13. Juli 2004 beschloss der Rat der Stadt Herne, sich für die Schaffung von Erinnerungsorten, an denen der Opfer der Shoah aus Herne und Wanne-Eickel gedacht wird, einzusetzen.

Die Umsetzung

In Folge des Ratsbeschlusses entstanden so im Zeitraum von 2004 bis 2008 zehn Gedenktafeln, die über die Stadtteile verteilt „Erinnerungsorte“ markieren. Die Erstellung der Tafeln selbst fand in Zusammenarbeit mit Herner Schulen statt. Dabei wurde allein die Recherche für einige der Beteiligten zu einem Lernprozess: Je nach Alterstufe war es mitunter das erste Mal, dass sich die Schülerinnen und Schüler eigenständig mit dem Thema oder mit Originaldokumenten beschäftigten. Dabei gab es auch Enttäuschungen, wenn trotz eingehender Suche in historischen Tageszeitungen „nichts“ gefunden wurde. Gleiches gilt auch für Versuche, Nachkommen deportierter Herner Juden per Internet ausfindig zu machen. Aber allein die Tatsache, dass von vielen Menschen und ganzen Familien keine Fotos oder andere Lebenszeugnisse mehr vorhanden sind, ließ die Auswirkungen der Shoah für die Schülerinnen und Schüler greifbarer werden. Sie rekonstruierten beispielhaft ein soziales Leben, Beziehungen und Entwicklungen der genannten Familien und Personen. Sie begriffen, dass die Opfer nicht nur Objekte der Geschichte waren, eine bloße Zahl „deportierter und ermordeter Menschen“, sondern brachten mit ihrer Arbeit die individuellen Stimmen und ihr Leben stärker zu Gehör, als es zuvor geschehen war.

Der bronzene Beschlag und die Zeilen „Nahtstellen, fühlbar, hier“, ein Zitat aus einem Gedicht Paul Celans, verbinden die Tafeln inhaltlich und grafisch. Gleichzeitig ist dieser Titel auch ein Verweis auf das gleichnamige Buch „Nahtstellen, fühlbar, hier… Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel“.

Das zentrale Shoah-Mahnmal

Die Betonplatte stellt sich sperrig in den Weg. Ein aufrechter, massiger Widerstand im Sichtkorridor zwischen Häusern und Menschen. Der helle Beton ist nicht plan, er weist unregelmäßige Narben und Schlieren auf. Es ist nichts heil, schon gar nicht in der Geschichte. In die Gedenktafel sind 410 Okulare eingelassen. Verändert der Betrachter seine Position vor dem Denkmal, entsteht durch die Glaselemente auf der Platte eine Bewegung aus Licht und Schatten. Unsere Erinnerung ist nicht statisch, sie ist ein ständig wechselnder Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In den Okularen befinden sich Glasronden mit Namen, Daten und Orten. Um zu erkennen, muss man näher treten, die einzelnen Inschriften in Augenschein nehmen. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Oskar Adlerstein, Sally Fischel, Simon Hecht, Emil Lewy, Helmut Marx, Gita Rothenstreich, Kurt Wolf und und. Menschen in jedem Alter, Frauen, Männer, Kinder. Verschollen, deportiert, für Tod erklärt, ermordet. Ein Verzeichnis zerstörter und gewaltsam gebrochener Leben.

Das Licht in den Okularen, es wandert. Wir lesen die Namen. Im jüdischen Glauben wird den Toten gedacht, indem die Namen der Verstorbenen verlesen werden. „Ich möchte, dass sich jemand daran erinnert, dass einmal ein Mensch namens David Berger gelebt hat“, schrieb David Berger in seinem letzten Brief, bevor ihn die Nazis 1941 in Wilna ermordeten. In einigen Okularen befindet sich nur das Wort „unbekannt“ – stellvertretend für all diejenigen, deren Namen nicht mehr gefunden werden konnten. Am Fuße des Steins finden sich die fünf hebräische Schriftzeichen des liturgischen Ausdrucks: „Ihre Seelen seien eingebunden in das Bündel des Lebens“.

Die fünf Meter lange und leicht geneigte Rampe ist aus schwarzem Beton. Man muss sie beschreiten, um zu dem Okularfeld zu kommen. Es stellt sich oft ein Gefühl der Fassungslosigkeit ein, wenn man anfängt, sich mit der Shoah zu beschäftigen. Rechts und links im schwarzen Beton der Rampe stehen die in den Stein eingearbeiteten Vernichtungs- und Konzentrationslager, Ghettos, KZ-Außen- und Zwangsarbeitslager, Internierungs- und Arbeitserziehungslager, in denen Herner und Wanne-Eickeler Juden ermordet wurden.

Am Antritt der Rampe steht in hebräischen und deutschen Buchstaben: „Gedenke 1933-1945“. Der Betrachtende fängt dort an, das Denkmal zu erkunden. Es bleibt an uns, das Mahnmal zu einer Verkörperung von dem werden zu lassen, was fest verankert im Bewusstsein der Menschen bleiben sollte: die Erinnerung und die Verpflichtung an und aus der Shoah.

Nachhaltiges Gedenken

Kritische Gedächtnisarbeit heißt, Erinnerung nicht zum abrufbaren Archivmaterial verkommen zu lassen, sondern stets die konstruktive und öffentliche Auseinandersetzung zu suchen. So war auch die Arbeit an den „Erinnerungsorten“ nicht folgenlos. Nicht nur die Besuche von Überlebenden der Shoah ließen einen Diskussionsprozess entstehen, in dem auch die traditionellen Gedenkveranstaltungen der Stadt überdacht wurden. Die Rituale der Vergangenheit in Form von Kranzniederlegung und Worte des Oberbürgermeisters vor einer Handvoll schweigender Menschen hatten ihre Berechtigung. Sie hatten aber auch ihre Zeit. Moderne Formen des Erinnerns sollten anders aussehen. In Kooperation mit den Schulen bestreitet die Stadt seit drei Jahren Gedenkveranstaltungen, die weitgehend von den jungen Protagonisten selbst gestaltet werden.

„Die von Schülern gestaltete Gedenkveranstaltung hat es geschafft, junge Menschen dafür zu interessieren, die Erinnerung an Völkermord und Naziterror wach zu halten. Sie macht Jugendliche zu Handelnden. Die Resonanz ist bemerkenswert. Und sie zeigt: Der von der Stadt eingeschlagene Weg ist richtig“, kommentierte der Journalist Kai Wiedermann nach der Veranstaltung zum Gedenken an die Reichspogromnacht im November 2008.

Mit den dezentralen Gedenktafeln und dem Shoah-Mahnmal sind dauerhafte Erinnerungsorte im Herner Stadtbild positioniert. Dabei wird der Ermordeten und Verfolgten um ihrer selbst willen gedacht. Das „Wirken“ der Erinnerungsorte erschöpft sich dabei keineswegs allein nur in der Vergangenheitsaufarbeitung, sondern umfasst eben so sehr die Rezeption durch den Betrachter. Das „Denkmal“ ist also keineswegs der Abschluss der Gedächtnisarbeit, sondern es wird zukünftig selbst Gegenstand und auch Impulsgeber eines engagierten Zwiegesprächs zwischen Vergangenheit und Gegenwart.


Das Shoah-Denkmal wurde von den Wuppertaler Künstlern Gabriele Graffunder und Winfried Venne entworfen.

Unter www.herne.de findet sich unter dem Vermerk „Shoah“ eine Auflistung aller Erinnerungstafeln und Texte zu den verschiedenen Gedenkaktivitäten - auch über die Verfolgung anderer „Opfergruppen“ wie der Zwangsarbeiter und der Zeugen.

Die Dokumentation „Shoah-Denkmal / Erinnerungsorte. Zum Gedenken an die Opfer der Shoah in Herne und Wanne-Eickel“ ist kostenlos zu beziehen über das Presseamt der Stadt Herne.